Ines Papert

Wolke 7

Ines schafft den freien Durchstieg

Nach der Erstbegehung 2020 konnte Ines diesen Sommer die Route frei durchsteigen

Klaus Fengler
Foto: Klaus Fengler

Der Lockdown der Pandemie in 2020 öffnete mir die Augen, welch noch unentdecktes Felspotential in meiner Heimat, den  Berchtesgadener Alpen schlummert. Die Enttäuschung über eine abgesagte Alaska Expedition wurde schnell von der Euphorie abgelöst, eine neue Route an einer der schwierigsten Wänden der Alpen, zu klettern.

Die Erstbegehung

Gemeinsam mit Luka war schnell klar, in welchem Stil wir der steilen, fast 400m hohen Wand begegnen würden.

Das jener Wandteil häufig naß blieb, würde erst später zur Herausforderung werden. Während der Erstbegehung forderten wir unsere Moral Seillänge für Seillänge, denn unsere Route sollte den benachbarten Linien am steilen Pfeiler in nichts nachstehen und im ähnlichen Stil angegangen werden. So viel Respekt muss sein. Fordernd aber für Kletterer mit sehr viel Erfahrung vernünftig abzusichern.

Nach 4 Tagen in der Wand war das Werk vollbracht, ich war sehr zufrieden über solche eine gigantische und völlig eigenständige Route vor der Haustüre. Es gibt insgesamt 17 Zwischenbohrhaken auf 350m Wandhöhe, jedoch zahlreiche Risse ermöglichten mobile Sicherungen.

Versuche

Im Sommer 2021 stellte ich mich der Aufgabe erstmals ernsthaft und verbrachte einige Tage oben an der Reiteralm, doch die Wand trocknete wiederholt nicht ab. Immer wieder scheiterte ich an der 5. Seillänge, konnte keine Lösung finden. Nah dran, aufzugeben wurde es Winter und der Traum blieb. Ich hatte gehofft, ich würde mich damit abfinden, doch vergebens.  Es fühlte sich unvollendet an, die endgültige Zufriedenheit über diese Route blieb bei mir vorerst aus. Ich stellte das Unternehmen auf Eis, ohne konkrete Pläne, zurückzukehren.

2022 erlebten wir dann den Jahrhundertsommer, doch von meiner körperlichen Fitness war ich zunächst weit entfernt. Ich verbrachte intensive 2 Wochen, in denen ich alle anderen Verpflichtungen zur Siete schob, ausschliesslich in der Route, meistens alleine.

Der Durchstieg

Am 14. August wusste ich immer noch nicht genau, wie ich die schwierigste Länge klettern würde. Doch es schien vorerst der letzte Tag vor dem angekündigten Regen zu sein. Aus Erfahrung wusste ich, daß es meine letzte Chance sein sollte, denn im Spätsommer würden die Felsen kaum noch abtrocknen. Doch würde ich den moralischen Ansprüchen dieser Route gewachsen sein?

Wir standen früh morgens am Einstieg, es war kaum mehr als ein Versuch geplant, die komplette Route im Vorstieg frei und sturzfrei zu klettern. Dieser Umstand beruhigte meine Nerven und ich fühlte mich frei im Kopf, alles zu geben.

Wenig später stieg ich in die 5. Seillänge ein, improvisierte und kämpfte.
Plötzlich hatte ich die Schlüsselstelle hinter mir und den Standplatz erreicht. Erstmals waren alle Griffe und Tritte trocken. Ich jubelte, aber im gleichen Moment wurde mir deutlich, daß noch ein langer Weg vor mir lag.

Vorerst lief alles nach Plan, bis zu jenem strukturlosen Wandabschnitt, den ich für den tatsächlich Schwierigsten der gesamten Route hielt. Ein für mich extrem weiter Zug. Ich scheiterte, stürzte ins Seil. Die Sonne schob sich ums Eck und meine Finger begannen zu schwitzen, die Haut wurde dünn. Für einen Moment verlor ich den Glauben an mich.

Zurück am Standplatz atmete ich kurz durch, doch als sich eine Wolke (Danke Wolke 7) vor die Sonne schob, war der Zeitpunkt gekommen. Ich konnte plötzlich einen zusätzlichen, kaum sichtbaren Griff halten und schaffte es, ganz knapp. Nun war es nur noch eine Fleißaufgabe, es zu Ende zu bringen. Das 7c Dach weiter oben würde ich auch mit wenigen Kraftreserven klettern können.

Und so erfüllte sich am Nachmittag des 14. August ein Traum. Ich stand auf dem Gipfel des Feuerhörndl´s und hatte die ‚Wolke 7‘ in freier Kletterei durchstiegen. In unendliche Dankbarkeit für Lukas Unterstützung und über die endlosen Bergabenteuer in meiner Heimat Berchtesgaden blicke ich nun zufrieden hinauf zu den steilen Abbrüchen der Reiteralm.

Fakten

Informationen

Erstbegehung:  Luka Lindič und Ines Papert im Juni 2020

Routename: Wolke 7

Ort: Reiteralm, Hinteres Feuerhörndl

Schwierigkeit/Länge: 8a, 12 Seillängen, 380m

Absicherung: 17 Zwischenbohrhaken, zahlreiche belassene Normalhaken auf 350 m Wandhöhe und perfekt eingerichtete Standplätze.

Material: 1 Satz Camalots #0.2 - #3, 10-12  Expressschlingen

Abstieg: übers Wartsteinband

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