Ines Papert

Watzmann Family Traverse

Erste Winterüberschreitung aller Watzmanngipfel von Ines Papert und Luka Lindič am 11.1.2018

Die Skyline aller Watzmanngipfel ist ein absoluter Eyecatcher und blieb in der kalten Jahreszeit viel zu lange unbeachtet. Es musste erst ein Slowene kommen, um dies zu erkennen.

Archiv Ines Papert
Foto: Archiv Ines Papert

Luka und ich waren jenen Winter mehrfach am Watzmann Massiv aktiv, um uns konditionell auf unsere geplante Himalaya Expedition im Frühjahr vorzubereiten.

Die perfekte Skyline der Watzmann Familie hat uns jedes Mal inspiriert. So entstand die Idee der kompletten Traverse im Winter , ideal geeignet als "Trainingsprojekt" für unser ambitioniertes Ziel im Frühjahr diesen Jahres. Die Besteigung der 8027m hohen Shishapangma in Tibet über eine neue Route an deren Südwand.

Foto: Archiv Ines Papert

Die Traverse verspricht einen langen Tag, und würde im Winter sicher technische Schwierigkeiten offerieren.

Die Tatsache, dass wir keine Informationen über eine Begehung im Winter finden konnten, hat uns im Vorhaben nur bestärkt.

Der Winter begann diese Saison früh und es boten sich großartige Skitourenbedingungen in der Watzmannregion an. Mit dem vielen Schnee und den wärmeren Temperaturen um Weihnachten herum änderten sich die Bedingungen und versprachen bald ideale Verhältnisse für alpines Klettern.

Wir hatten das Gefühl, dass die logische Richtung von Osten nach Westen über die Gipfel führt. Mit einem Start am kleineren der zwei Watzmanngipfel (Kleiner Watzmann) und dem Ende am höchsten Punkt, der Mittelspitze Watzmann (2713m).

Unserer Idee nach wollten wir die Traverse möglichst nahe der Skyline folgen und die Schwächen im Gelände zu nutzen, die einen manchmal eher nach links, manchmal eher nach rechts des Grates führen.

Foto: Archiv Ines Papert

Nun mussten wir den perfekten Tag abwarten, um eine vernünftige Chance zu bekommen und offensichtliche Gefahren wie Lawinen auszuschließen zu können. Der 11. Januar versprach bewölkten Himmel mit nicht zu niedrigen Temperaturen. Perfekt, das war unser Tag.

Als wir unseren Aufstieg am Nordost Grat des Kleinen Watzmann in der Dunkelheit begannen, wussten wir immer noch nicht, welche Linie wir im laufe des Tages nehmen wollten. Wir konnten diesbezüglich keine Informationen von anderen Seilschaften finden, die diese Traverse im Winter möglicherweise begangen hatten.

Wir erreichten den Gipfel des Kleinen Watzmanns um 7:30 Uhr mit dem ersten Licht und begannen sogleich unseren Abstieg über die Südkante. Es war nur eine kurze Steilstufe abzuseilen, ansonsten fanden wir perfekten Trittschnee vor.

Foto: Archiv Ines Papert

Von dort aus bestiegen wir nacheinander alle fünf Watzmann Kinder, fanden moderate Schwierigkeiten vor, die wir zwar meist seilfrei klettern konnten aber verbunden waren mit anstrengender Spurarbeit.

Von den verschiedenen Gipfels mussten wir einige Male abseilen und einige sehr ausgesetzte, verschneite Grate überqueren. Die Standplätze zum abseilen wurden von uns durch Normalhaken und Klemmkeile eingerichtet.

Während unseres Abstieges vom fünften und letzten Watzmann Kind entschieden wir uns, die Watzmann Mittelspitze direkt von der Skischarte aus zu klettern, da uns die zwar einfachere aber weniger steile „Wieder Route“ wegen der Schneesituation zu unsicher erschien.

Foto: Archiv Ines Papert

Wir erreichten den Wandfuß der Watzmann Mittelspitz - Ostwand um 14:30 Uhr und genehmigten uns eine Stunde Pause, die wir zum Schnee schmelzen nutzten. Frisch gestärkt nach Suppe und Kaffee begannen wir um 15:30 Uhr mit unserem Aufstieg zur Mittelspitze. Perfektes Wassereis offerierte der Einstieg. Doch bald wurde der Schnee tief, steil, teilweise haltlos und wurde immer wieder von kurzen steileren Felspassagen abgelöst.

Die ersten drei Seillängen konnten wir noch bei Tageslicht klettern. Danach stellte sich Dunkelheit ein. Im Schein unserer Stirnlampen erreichten wir nach sieben weiteren Seillängen mit Schwierigkeiten bis M5 und steilem Schnee bis 80° um 19.30 Uhr (später als erwartet) den höchsten Punkt des Watzmann.

Wir steigen über den Grat bis zum Hocheck und mit zunehmend müden Füssen über die Normalroute zum Watzmann Haus und weiter zu unserem Auto ab.

Ines:

“Als mich Luka gefragt hat, ob jemand die Traverse im Winter bereits realisiert hat, musste ich erwidern, dass ich davon noch nichts gehört hatte. Er konnte fast nicht glauben, dass dies noch niemand gemacht hat, an einem der ikonischsten Berge des Landes, so nah bei meinem Wohnort. Die Antwort genügte, um bei ihm das Spiel in seinem Kopf zu beginnen."

Foto: Archiv Ines Papert

Luka:

“Ich bin noch relativ neu in der Ecke um Berchtesgaden, aber als slowenischer Bergsteiger kenne ich natürlich die Geschichte um den Watzmann. Sie wurde 1800 vom Slowenen Valentin Stanič geschrieben, der die Erstbegehung realisiert hatte. Wenn du von Berchtesgaden aus zum Watzmannmassiv schaust, bildet sie eine perfekte Skyline mit einem logischen Anfang und Ende. Als ich sie das erste Mal vor über einem Jahr gesehen habe wusste ich, dass ich sie einmal klettern möchte. Da dort im Sommer immer viel los ist war klar, dass der Winter die richtige Zeit wäre, um das Ganze zu einem besonderen Bergerlebnis zu machen. Wir konnten bis heute keine Informationen darüber finden, dass jemand die Traverse im Winter bereits gemacht hat. Ich kann es fast nicht glauben, dass die offensichtlichste Linie an diesem ikonischen Berg noch nie im Winter geklettert wurde. In Slowenien wäre das nicht mehr möglich. Auf der anderen Seite habe ich aber auch gesehen, wie wenig hier im Winter an diesem Berg geklettert wird und es macht meine Überraschung ein wenig kleiner. Ich verbringe gerade viel Zeit in der Gegend um Berchtesgaden und ich freue mich sehr, das hier so wenige Menschen im Winter in den Bergen klettern. Ich bin gespannt, was ich hier noch alles erforschen darf."

Fakten

Ort: Ostalpen, Berchtesgaden, Bayern, Deutschland
Route: Watzmann Family Traverse

Routenbeschreibung: Nordost-Grat zum Kleinen Watzmann Abstieg über Südwest-Grat vom Kleinen Watzmann - Traverse aller fünf Watzmann Kinder - Ostwand der Watzmann Mittelspitze Überschreitung bis zum Hocheck und Normalroute zum Watzmann Haus.
Zeit: 3.45 - 23.10 von Auto zu Auto (Parkplatz Hammerstiel Schönau am Königssee) 19h 25min
Höhenmeter: 3.458 m

Einfach von links nach rechts…
Foto: Stefan Wiebel
Unsere Route auf die Mittelspitze
Foto: Archiv Ines Papert

Geschichten aus Eis & Fels