Ines Papert

The Sound Of Silence

Erstbegehung am Mount Fay in Kanada

Ines Papert, Luka Lindič und Brette Harrington klettern neue Route an der Ostwand des Mount Fay, Kanada.

Archiv Ines Papert
Foto: Archiv Ines Papert

Bericht von Luka Lindič

Die steile Wand über uns war von Wolken bedeckt. Der Schneefall nahm deutlich zu. Als Ines und ich unsere gemeinsame Freundin Brette am Standplatz erreichten, nahm ich ihr die verbleibenden mobilen Sicherungsgeräte an ihrem Gurt ab und kletterte weiter, ohne ein Wort zu sagen. Keiner von uns sagte etwas. Offensichtlich war die Stille vielsagend genug, um in diesem kritischen Moment unserer Begehung Worte zu verlieren. Ich glaube, so funktioniert das meistens in einem guten Team.

Foto: Archiv Ines Papert

Anfang April 2016 stand ich zum ersten Mal unter der beeindruckenden Wand des Mount Fay. Ich war in den Rockies, um mit Marc-Andre Leclerc zu klettern. Nachdem wir uns in der Nordwand des Mount Temple aufgewärmt hatten schlug er vor, Mount Fay zu erkunden. Wir kamen einen Tag vor unserem geplanten Aufstieg bei den Consolation Lakes an. Wir hatten kein Zelt mitgebracht. In der Nacht waren wir überrascht, das es uns dennoch kaum kalt war. Am nächsten Morgen wurde uns klar, warum. Der Schnee um uns herum war nicht gefroren. Es war ein Zeichen dafür, dass es viel zu warm war für diese große Ostwand. Noch vor dem Frühstück kam die erste Lawine die Wand runter. Direkt durch die Linie, die Barry Blanchard, Dave Cheesmond und Carl Tobin geklettert sind. An jenem Tag kehrten wir um, ohne die Wand auch nur zu betreten. Doch die Idee blieb in unseren Köpfen. Ebenso das Bild der Lawine.

Als Ines und ich unsere Sachen für die diesjährige Reise in die Kanadischen Rocky Mountains packten, hatten wir definitiv die Ostwand des Mount Fay im Kopf. Aber sie war nur eine unserer Ideen. Ich wusste über die Schwierigkeit bescheid, in solch einer Wand die richtigen Bedingungen vorzufinden. Der letzte Winter war extrem kalt gewesen. Das bedeutet normalerweise nichts Gutes in den großen Wänden. Zwei Wochen vor unserem Abflug nach Kanada erreichte uns eine sehr freundliche Mitteilung von Maarten Van Haeren. Er meinte, das Eis am Mount Fay beginnt zu wachsen. Photos bestätigten dies. Als wir Ende März dort ankamen, stiegen wir unmittelbar in das „Valley of Ten Peaks“ auf, um nach den Bedingungen in einigen anderen Nordwänden zu sehen. Unserer Meinung nach lag noch zu viel ungefestigter Schnee am Mount Fay. Bei unserem zweiten Besuch in den Ten Peaks mussten wir uns an zwei der Nordwände geschlagen geben. Es lag einfach zu viel nutzloser und gefährlicher Schnee in den Wänden. Wir entschlossen uns, ein paar andere Gebiete zu erkunden und trugen unsere komplette Ausrüstung wieder ins Tal.

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Zurück in Canmore verbrachten wir eine gute Zeit mit Freunden. Scheinbar waren die kanadischen Rockies der Hotspot in diesem Frühjahr. Namhafte Alpinisten aus Europa und Nordamerika tauchten plötzlich auf. Die Stimmung war super, jeder teilte seine Geschichten und Idee darüber, was vielleicht möglich wäre in dieser scheinbar trickreichen Saison. Nach ein paar Ruhetagen, die wir hauptsächlich damit verbrachten, unterschiedliche Wettermodelle zu studieren und in Kletterführern zu schmökern sahen wir, dass eine gute Wetterfront mit stabilen Bedingungen bevorstand.

Unsere Freunde John Walsh, Tom Livingstone, Quentin Lindfield Roberts und Peter Hoang konnten die Route Gimme Shelter am Mount Quadra in der letzten Schönwetterperiode klettern und zeigten uns Bilder von Mount Fay. Diese Informationen und unsere letzten beiden Erkundungen in diesem Gebiet ermutigten uns dazu, die Ostwand in den folgenden Tagen zu versuchen. Plötzlich stand unsere Freundin Brette Harrington vor der Türe. Wir wussten, dass sie irgendwann im Frühjahr kommen würde und wir hatten geplant, zusammen etwas klettern. Wir waren uns nicht sicher ob eine ambitionierte Route wie diese, eine gute Möglichkeit war, um zum ersten Mal zusammen zu klettern. Nachdem wir uns ein paar Stunden ausgetauscht hatten, beschlossen wir, den Versuch gemeinsam zu wagen.

Unsere Taktik war schnell besprochen, auch beim packen durften wir nicht zu viel Zeit verlieren. Mittags am 1. April sind wir mit Ski und Schlitten zu den Consolation Lakes aufgebrochen. Wir kamen schnell voran da wir die Spur unserer Freunde nutzen konnten. Wir ließen die Consolation Lakes hinter uns und stiegen auf zu der Stelle, von der wir die Wand beobachten konnten und errichteten unser Lager. Wir verbrachten den Rest des Tages damit, Schnee zu schmelzen und den nächsten Tag vorzubereiten. Doch wir behielten die Wand immer im Auge. Es gab keine Spindrifts und es war recht kalt. Das waren sehr gute Zeichen. Wir wussten jedoch, dass die Situation eine andere sein könnte, sobald die Sonne morgens auf die Wand trifft. Mit diesem Wissen entschlossen wir uns für einen sehr frühen Start in den dunklen Stunden der Nacht.

Nach ein paar wenigen Stunden Schlaf waren wir gegen 3 Uhr morgens wieder in Bewegung. Dank der guten Schneeverhältnisse konnten wir schnell die Schneerampe am Fuße der Wand erreichen. Hier beginnt die ursprüngliche Route von 1984. Wir kletterten seilfrei bis zum Ende der Rampe. Dann stiegen wir in die Hauptfalllinie der Lawinen und Spindrifts ein. Hier beschlossen wir, uns mittels ‚running belay‘ zu sichern. Wir wollten nichts riskieren. Ein Spindrift würde genügen, um die Balance zu verlieren.

Wir erreichten bald eine senkrechte Stufe aus Eis. Gute Bedingungen erlaubten uns, sie schnell zu klettern. Das erste Licht und auch die Sonne fielen in die obere Headwall. Spindrifts waren wie erwartet die Folge. Zum Glück war ich bereits über der nächsten Stufe als sie uns trafen. Ich baute einen Stand an einer geschützten Stelle und sicherte Ines und Brette nach. Sie kletterten so schnell sie konnten durch ständigen und stärker werdenden Spindrift. Ich hatte erwartet, dass sie niedergeschlagen am Stand ankommen würden und entmutigt wären, weiter zu machen. Ganz weiß vom Schnee aber zu meiner Überraschung erreichten sie den Stand mit Grinsen in ihren Gesichtern. Der untere exponierte Teil der Wand lag hinter uns.

Nach unserer ersten Pause, die wir nutzen, um etwas zu trinken und zu essen wurde uns klar, dass wir es gerade rechtzeitig hier hoch geschafft hatten. Das gab uns nochmal einen Energieschub, um weiter zu machen. Das Gelände wurde vorübergehend weniger steil und wir sicherten uns wieder per ‚running belay‘. Wir waren sehr schnell, vielleicht zu schnell? Ines war im Verstieg unterwegs, als sie plötzlich ins Seil stürzte. Zum Glück ist es nicht weit über einer Eisschraube passiert, aber es erinnerte uns daran, vorsichtig zu sein.

Im großen Schneekegel mitten in der Wand mussten wir zum ersten Mal mit richtig tiefem Schnee fertig werden. Als ich mir meinen Weg nach oben kämpfte wurde mir klar, dass mir das Seil ausgehen würde, bevor ich irgendwie den Fels erreichen konnte, um eine Sicherung anzubringen. Da ich mich nicht am Seil zu Dritt bewegen wollte, signalisierte ich den Mädels, beide Seile zusammenzuknoten. Dafür lies ich ein Ende fallen. Nach einem langen Kampf konnte ich ein paar Risse finden, um einen Stand unter einer sehr steilen Stufe zu bauen. Der lange Steifen Eis über uns, der von unten so vielversprechend ausgesehen hatte, stellte sich als unbrauchbar heraus.

Foto: Archiv Ines Papert

Es dauerte nicht lange bis ich begriff, dass ich keine Chance hatte, den senkrechten bis leicht überhängenden Schnee, der einfach nichts hielt, zu klettern. Nachdem ich nach links und rechts traversierte, um eine kletterbare Lösung für diesen Teil zu finden sah ich endlich ein steiles System an Rissen. Es schien unsere einzige Option zu sein. Es sah sehr schwer aus und es war unmöglich zu sagen ob es überhaupt machbar wäre. Vor allem mit unserer kleinen, leichten alpinen Auswahl an Camalots, Klemmkeilen und ein paar Felshaken.

Wir waren uns alle einig, dass es einen Versuch wert wäre, bevor wir aufgeben. Ich begann durch das Dach zu klettern mit einer Mischung aus freiem und technischem Klettern. Ich befreite die Seillänge von nutzlosem Schnee, Eis und loosen Felsblöcken auf meinem Weg. Als ich über die Dachkante kam hatte ich das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Als ich den Stand baute dachte ich darüber nach wie unglaublich es wäre, diese Seillänge frei zu klettern. Ines kennt mich gut genug um zu wissen, was ich dachte, ohne mit mir zu sprechen. Ich verbrachte ein paar Minuten alleine am Stand und überlegte, was ich tun sollte.

Der Blick auf die große Headwall gab mir das Gefühlt, klitzeklein zu sein und irgendwie hier so schnell wie möglich nach oben zu wollen. Auf der anderen Seite wusste ich auch, dass ich es vielleicht bereuen würde, wenn ich es nicht versuchen würde. Ines rief mir ein paar aufmunternde Worte von unten zu: „Scheiß drauf! Jetzt oder nie!“ Sie ließen mich runter, ich zog die Seile ab und kletterte die Seillänge nach einer kurzen Pause, diesmal frei. Nie in meinem Leben bin ich eine solch exponierte Länge in einer so großen Wand geklettert. Eine weitere schwere Seillänge brachte uns in etwas leichteres Terrain in Verschneidungen und über Schneerampen. Der Schnee wurde furchtbar schlecht und an ihm aufzusteigen war gruselig. Weitere Meter in tiefem haltlosen Schnee folgen, bis wir eine Stelle erreichten, die vermutlich die einzige vernünftige Option wäre, die Nacht zu verbringen. Nach einem spartanischen Abendessen schliefen wir ein in der Hoffnung, morgen in den warmen Strahlen der Sonne aufzuwachen. Leider erwachten wir an einem bewölkten und sehr kalten Tag.

Das Biwak war ausgesetzt und veranlasste uns nur, schnell unsere Rucksäcke zu packen. Wir machten uns weiter auf den Weg zum Gipfel, der zum Greifen nahe schien. doch der Schein trügte. Brette begann an diesem Tag mit dem Vorstieg, dann übernahm Ines. Das Gelände wurde wieder steiler, der Fels brüchig und es war sehr schwierig zu entscheiden, wo weiter zu klettern, um nicht in einer Sackgasse zu landen. Ich konnte fühlen, dass ich uns hier raus bringen sollte und übernahm wortlos die Führung. Wir sprachen nicht viel in den nächsten Stunden. Wir arbeiteten gut zusammen im Team. Jeder tat was sie oder er konnte, um uns aus dieser Lage zu befreien. ‚The Point of no return‘ war schon lange überschritten.

Bald kamen wir in einen Schneesturm und der Tag neigte sich dem Ende. Es machte unsere Lage noch ernster. Endlich waren wir kurz unter dem Ausstieg, möglicherweise unserer letzten Seillänge angekommen. Wir waren so nah dran und dennoch so weit weg, da überhängende Wechten den Weg zur anderen Seite des Berges versperrten. Die letzten Meter waren sehr steil und sogar überhängend aber großartig zu klettern. Es gab gerade ausreichend Struktur im Fels, um an der Wechte vorbeizukommen. Plötzlich rollte ich mich oben auf den Gipfelgrat und stieß einen lauten Glücksschrei aus. Als mich Ines und Brette im letzten Tageslicht erreichten, explodierten unsere Glücksgefühle und mit einem lauten Schrei kündigten wir eine sehr kurze aber definitiv intensive Zeit am Gipfel an.

Der Abstieg führte uns über die Rückseite des Berges zu einem großen Plateau und dank unserem GPS konnten wir den Weg zur Neil-Cogan-Hütte bei inzwischen starkem Schneefall und Nebel navigieren. Der Weg dorthin fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Als wir nach Mitternacht in der Hütte ankamen, spürten wir endlose Erleichterung darüber, daß sie unverschlossen war und Müdigkeit setzte ein. Während ich in einen tiefen Schlaf fiel, stellte sich ein großer Stolz ein über unsere neue Route, unseren Stil, und darüber, dass Marcs Freundin dabei war. Ich konnte ihn während des kletterns fast mit mir sprechen hören. In jenen Augenblicken, als wir wortlos aufstiegen, weil die Lage so ernst war, konnte ich ihn am allermeisten hören. Er sagte: „Hey Kumpel, danke dass du meine ‚Kleine B’ mit auf diese Tour nimmst.“ Wir nannten die Route „The Sound of Silence“ in seinem Gedenken. Brette sagte uns, er wollte einer ganz besonderen Route diesen Namen geben wollte. Dazu kam es leider nie, da sein Leben 2018 ein viel zu frühes Ende nahm.

Foto: Archiv Ines Papert

Geschichten aus Eis & Fels