Ines Papert

Baffin Island

Eine Expedition in die Arktis.

Ein langer Weg zum Mount Asgard und eine endlose Schlepperei von Material und Proviant wird belohnt mit der erfolgreichen Erstbegehung ‚Sensory overload‘ gemeinsam mit den beiden Kanadiern Jon Walsh und Josh Lavigne.

Josh Lavigne
Foto: Josh Lavigne

Im Sommer 2012 reise ich gemeinsam mit Jon Walsh und Joshua Lavigne in den nordöstlichen Teil Baffin Islands, der fünftgrößten Insel der Erde.

Ankunft am Summit Lake nach der zweiten Tagesetappe. Blick zurück ins Weasel Valley. Gigantische Felswände türmen sich auf beiden Seiten des Tales auf. Den Mount Thor und Mount Breidalvik lassen wir hinter uns. Unser eigentliches Ziel, der Mount Asgard, hält sich lange versteckt.

Foto: Josh Lavigne

Während man sich im Big Wall Mekka Yosemite Valley auf angenehm kurze Zustiege verlassen kann, muss man in die großen Wände Baffin Islands sehr viel mehr Zeit investieren. Der Lohn: Ein echtes Abenteuer in der Abgeschiedenheit.

Foto: Josh Lavigne

Über Iqualuit reisen wir in das 1500-Seelendorf Pangnirtung. Ab dort geht es per Fischerboot 30 Kilometer über den Fjord, ehe wir uns schwer beladen zu Fuß entlang des Weasel Valley im Auyuittuq National Park über die Moränenlandschaft in Richtung Mount Asgard auf den Weg machen. Ich habe großen Respekt vor den reißenden, eiskalten Gletscherbächen, die wir überwinden müssen.

Baffin Islands Landschaft präsentiert sich einzigartig. Karg, baumlos und bis auf ein paar Wochen im Sommer, in denen die Fjorde eisfrei sind, eher menschenfeindlich. Steile Felsen soweit das Auge reicht. In der schier endlosen Gletscherlandschaft verliert man sich. Still. Wunderschön. Und zeitlos. Da die Sonne in den Sommermonaten nie wirklich untergeht, steht uns das Tageslicht 24 Stunden zur Verfügung. Auf meine Stirnlampe, sonst immer ein Muss in meinem Rucksack, kann ich hier getrost verzichten. Nach dreitägigem Fußmarsch erreichen wir den Turnergletscher am Fuße des Mount Asgard und errichten dort unser Basislager. Mühselig der Marsch hier her. Die Wucht des Wassers erlaubt beim Durchqueren der zahlreichen Gletscherbäche keinen Ausrutscher. Allergrößte Vorsicht ist geboten. Einen Vorteil hat das alles natürlich auch: Uns steht endlos Trinkwasser in bester Qualität zur Verfügung. Als Jon Walsh 2008 in dieser Region verschiedene Gipfel bestieg, fasste er auch die Nordwestwand des Mount Asgard ins Auge. Damals verhinderten allerdings große Schneemengen sein Vorhaben.

Foto: Josh Lavigne

Zum Warm Up und um uns als Team einzuspielen besteigen wir den Mount Loki, das Matterhorn Baffins. Bei idealen Bedingungen klettern wir auf der Route eines Neuseeländischen Teams durch den 700 Meter hohen Südpfeiler und stehen gegen Mitternacht auf dem Gipfel. Uns gelingt die wahrscheinlich erste freie Begehung dieser Route. Eigentlich ein Grund zufrieden zu sein. Immer wieder wandert unser Blick hinüber zum Mount Asgard. Ob unsere Entscheidung richtig war? Hätten wir das gute Wetter vielleicht in unser eigentliches Ziel, den Mount Asgard, investieren sollen? Zweifel.

Perfekte Hand- und Fingerrisse wechseln sich mit Kaminkletterei ab. Reinstes Genussklettern in moderater Schwierigkeit. Erst in der Headwall stellt sich die Wand etwas auf.

Foto: Josh Lavigne

Sensory Overload

Wir haben uns für eine direkte Linie am Mount Asgard entschieden, mit Einstieg am großen Zeh des Wandfußes. Wir nennen unseren Start spaßeshalber „Sitzstart“.

„Unser“ Berg mit seiner markanten, zweizylindrischen Turmsilhouette ist nach Asgard, dem Heim der Götter in der nordischen Mythologie benannt. Seine 1200 Meter hohe Felswand zählt zu den steilsten und längsten der Welt. Was wir vorhaben? Die Erstbegehung der noch undurchstiegenen Nordwestwand des South Towers, dem rechten der beiden Plateaugipfel. Um möglichst schnell und effizient zu sein, entscheiden wir uns für folgende Strategie: Drei Seillängen werden jeweils von Jon, Josh oder mir am Stück vorgestiegen. Ein Nachsteiger folgt mittels Jumars am Seil nach oben und zieht den Haulbag nach. Ein weiterer folgt wie gewohnt im Nachstieg mit dem etwas leichteren Rucksack. Um 4 Uhr morgens steigen wir ein und erreichen schon am Vormittag die Wandmitte. Unser Ziel ist es, keine Bohrhaken zu schlagen. Am Nachmittag wird der Steinschlag bedrohlich. Wir versuchen nach rechts auszuweichen, finden aber kein durchgängiges Risssystem. Wieder retour. Biwak unter einem schützenden Felsdach. Wir müssen auf kühlere Temperaturen am nächsten Morgen warten.

Für einen Moment genieße ich die atemberaubende Aussicht auf den Turnergletscher. Wir befinden uns in einer traumhaft bizarren Landschaft.

Ich bin dankbar für jede Seillänge im Vorstieg. So bleibt mir das lästige Rucksackschleppen erspart.

Sichtbar die Folgen des Klimawandels: Ganze Felsblöcke – über Jahrhunderte vom Permafrost gehalten – lösen sich bei zunehmender Erwärmung während der Sommermonate vom Berg. Mir ist mulmig. Ich bin leicht nervös. Entsprechend vorsichtig klettere ich Richtung Gipfel. Glücklicher Weise ist die Felsqualität weiter oben deutlich besser.

Foto: Archiv Ines Papert

Da wir im Alpinstil unterwegs sind, haben wir nur das nötigste Gepäck und entsprechend wenig Vorräte dabei und sollten daher den Gipfel möglichst am zweiten Tag erreichen. Zum x-ten Mal essen wir – nun auch in der Wand – Pat Thai. Jon hatte nämlich in letzter Minute nur noch Reisgerichte besorgen können. Zur eigentlichen Schlüsselstelle wird ein etwa 100 Meter langer, sehr breiter Körperriss im zweiten Teil der Wand. Ihn in absoluter Exposition zu überwinden, ist nervenaufreibend und bedeutet eine ziemliche Schufterei. Wir haben nur einen großen Camelot dabei. Ich bin im Vorstieg dran und kämpfe mich nach oben. Es macht sich bezahlt, dass wir uns am Mount Loki richtig gut eingespielt und als Team warmgelaufen haben. Mit Jon Walsh war ich ja schon öfter unterwegs. Josh allerdings habe ich erst hier kennen gelernt. Als Team funktionieren wir ausgezeichnet.

Kurz unterhalb des Gipfels plötzlich ein radikaler Wetterumschwung. Ein aufkommender Sturm erschwert unsere letzten beiden Seillängen und verwehrt uns schließlich am Gipfel jede Sicht. Bis auf einen vereisten Kamin und einen vom starken Regen nassen Zug in der Ausstiegslänge können wir alles onsight klettern. Die Freude darüber hält sich aber noch in Grenzen, denn das rasant schlechter werdende Wetter macht uns ernsthaft Sorgen. Am Gipfel zu biwakieren scheidet aus. Zu viel Wind. Bitterkalt. Wir müssen runter, können aber aufgrund des Nebels den Abstiegsweg über die Südseite des Mount Asgard kaum finden. Gefährlich nass und rutschig das plattige Schrofengelände, auf dem wir nach unten steigen, ehe wir noch einmal biwakieren müssen. Grotesk: Wir haben nichts mehr zu trinken dabei. Obwohl es regnet, sind wir beinahe am Verdursten. Es regnet nicht stark genug, um genügend Wasser aufzufangen.

Foto: Josh Lavigne

Bis wir wieder unser Camp erreichen sind wir insgesamt 60 Stunden unterwegs. Unser Plan ist es, nach unserem unerwartet schnellen Erfolg am Mount Asgard auf dem Rückweg durch das Weasel Valley vielleicht noch die eine oder andere Wand zu versuchen. Als wir den Summit Lake passieren, erhält Jon die traurige Nachricht vom Tod seines Vaters. Selbstverständlich begleiten wir ihn auf seinem Weg retour. Allerdings müssen wir schnell sein. Wir lassen daher etwas Material zurück, welches im Winter per Skidoo abgeholt wird, laufen in 18 Stunden am Stück zurück zum Fjord. Jon schafft es rechtzeitig zur Beerdigung nach Hause.

Foto: Jon Walsh

Nun endet mein Bericht mit einem eher traurigen Schluss, was nicht der Plan war. Aber das Leben schreibt seine eigenen Geschichten. Die Expedition nach Baffin Island war meine bisher intensivste. Ab dem ersten Tag in der Wildnis haben wir auf jedes noch so kleine Zeichen der Natur gehört. Etwa um uns vor Eisbären oder drohendem Steinschlag zu schützen, waren wir jederzeit hellwach und konzentriert. Diese hundertprozentige Aufmerksamkeit vom ersten bis zum letzten Schritt auf dieser wunderschönen Insel hat uns Baffin geschenkt. Dort zu klettern war zwar der ursprüngliche Grund für diese Reise, aber wirklich wichtig waren andere Erlebnisse während dieser Expedition. Unser Klettererfolg war nur ein Bruchteil einer für mich überaus wichtigen Gesamterfahrung.

Fakten

Erstbegehung im Alpinstil am 24.- 26.7. 2012 in 60 Stunden

Mount Asgard Nordwestwand

Wandhöhe: 1200m

Schwierigkeit: 5.11+ A1

Absicherung: Camalots bis #5, Nuts, Pitons

Abstieg: über die Südseite ( Normalroute)

Foto: Archiv Ines Papert
Foto: Josh Lavigne
Kletterführer Baffin Island von Mark Synnott
Foto: Archiv Ines Papert

Geschichten aus Eis & Fels