Ines Papert

Erstbegehung in Alaska

Heart of stone

Ines Papert und Luka Lindič klettern am Mount Huntington West Face im Denali Nationalpark eine neue Route im Alpinstil.

Archiv Ines Papert
Foto: Archiv Ines Papert

Text: Luka Lindič

Wir befinden uns im ersten Monat einer Reise, welche die Reise unseres Lebens sein könnte.

Das Abenteuer entlang des gesamten „Panamerikana Highways" hat für uns endlich begonnen und im Anbetracht der aktuellen Situation fühlen wir uns definitiv privilegiert, diesen langgehegten Traum verwirklichen zu können.

Dieses Jahr sind wir für drei Monate in Alaska und schon in den ersten Wochen haben wir beide Seiten des alpinen Bergsteigens kennengelernt, auch die Schattenseiten. In den Revelations konnten wir wegen andauerndem Schneefall Anfang April kaum eine Idee verwirklichen. Der anfänglichen extremen Kälte folgte Dauerschneefall und später viel zu hohe Temperaturen für die Jahreszeit. Das Unternehmen wurde nach 10 Tagen abgebrochen.

Später stand das Glück im Denali National Park auf unserer Seite.

Nach einem kurzen Check der Wände entlang des Ruth-Gletschers setzte uns Pilot Paul Roderick unterhalb der Huntington-West Westwand ab. Diese sah aus der Luft sehr vielversprechend aus, trotz anhaltend hoher Temperaturen. Die niedrigeren Lagen hatten uns nicht überzeugt.

Nachdem wir unser Basislager errichtet hatten, machten wir uns zügig an die Arbeit und stiegen am nächsten Morgen in die Route „Colton Leach“ ein. Wir waren so erleichtert, gute Bedingungen vorzufinden und kamen schnell auf mäßig steilem Eis voran, wobei wir die Seillängen oft bis auf 150 m ausdehnten. Schnell sein zahlte sich aus, denn der Schnee auf den Rampen im mittleren Teil war immer noch gefroren und somit trittfest. Am Ende der Rampen ging es im Zick zack durch den felsigen Teil, dann folgte eine Steilstufe mit wirklich guten Rissen im perfekten Granit die uns zu einer Schneeflanke führte. Auf jener trafen wir auf die Spur von einem Team, welches kurz zuvor die Harward-Route geklettert war. Wir folgten ihr zum Gipfelgrat und weiter entlang auf den Gipfel des Mt. Huntington. Es war unglaublich windstill und warm. Ein kurzer atemberaubender Blick über die Bergkette der zentralen Alaska Range, bevor wir zügig mit dem Abstieg begannen, da wir ohne Biwakausrüstung unterwegs waren.

Anreise mit Pilot Paul Roderick (TAT)
Foto: Archiv Ines Papert

Später konnten wir ziemlich direkt über das Westwand Couloir abseilen. Mein Blick schweifte immer wieder in die steile Wand links von uns. Der Fels machte einen sehr kompakten aber gut strukturierten Eindruck.

Wir konnten ein durchgehendes Risssystem erkennen. Die Idee, in diesem Teil der Wand zu klettern erschien mir sehr logisch, aber in diesem Moment dachten wir nicht ernsthaft an einen Versuch, da wir immer noch damit beschäftigt waren, im letzten Licht des Tages zu unser Zelt zu erreichen.

Tags drauf, beim Ausruhen in der warmen Sonne wurden wir schon wieder hungrig und begannen zu überlegen, was unser nächstes Ziel sein könnte. Wir hatten eine positive Wettervorhersage für drei weitere Tage von Jack Tackle erhalten hatten. Es war ein großes Privileg für uns, daß jener Alaska Kletterer sein umfangreiches Wissen und seine Wetterkenntnisse mit uns teilte.

Die warmen Temperaturen schienen perfekt für die steile Felswand, die wir beim Abstieg gesehen hatten. Sogar Kletterschuhe hatten wir ins Basislager mitgenommen, welche uns hier hilfreich sein konnten.

Die Entscheidung war schnell gefallen, diese unbestiegene Linie nach einem weiteren Ruhetag zu versuchen. Diesmal packten wir Biwakausrüstung, zusätzliche Friends und auch Kletterschuhe ein.

Luka im unteren Teil der Wand
Foto: Archiv Ines Papert

Von dem, was wir sehen konnten, würden wir Letztere gut brauchen können, bevor wir ein offensichtliches Rampensystem in kombinierter Kletterei erreichen würden. Aus dem gleichen Grund entschieden wir uns, spät von unserem Basislager aufzubrechen, um die Wärme der Nachmittagssonne zum Klettern zu nutzen.

Wolkenloser blauer Himmel begleitete uns, als wir am 26. April um 11 Uhr unser Lager zum zweiten Mal verließen.Perfekte Bedingungen auf der anfänglichen Schneeflanke, welche wir mit dem Westwand Clouloir teilten. Am Beginn unserer neuen Route entdeckten wir ein großes Herz im Granitwand. Es kam uns fast zu kitschig vor und wir lachten über den Scherz, den uns die Natur beschert hatte. Zu unserer Überraschung war das Risssystem, das uns am logischsten erschien, voller seltsamen schmutziges Eis.

Es hatte die gleiche Farbe wie das Gestein, weshalb wir es aus der Ferne nicht gesehen hatten. Die Kletterschuhe blieben im Rucksack und es ging im vollen Mixed-Klettermodus weiter.

Gerade genug Eis, um die schwierigen Risse zu meistern
Foto: Archiv Ines Papert

Die Kletterei war anhaltend steil und fast jede Seillänge hatte eine Art schwieriges Boulderproblem parat aber meist gut abzusichern. Bald lief bereits Wasser die Wand hinunter und das Eis schien uns unter den Steigeisen wegzuschmelzen. Möglicherweise war es der letzte mögliche Tag, diese Route zu durchsteigen. Vor dem Erreichen eines Rampensystems erlebten wir unseren ersten kleinen Schock, als Ines an einem losen Griff zog und einen Sturz knapp verhindern konnte.

Steile Mixed Kletterei im mittleren Teil der Wand
Foto: Archiv Ines Papert

Die Rampe selbst war einfach aber bald blieb ich für einige Zeit an einer jener Boulderstellen hängen. Ich hatte sie deutlich unterschätzt und begann mit Rucksack zu klettern. Dass putzen der Risse von unbrauchbarem Schnee war nervenaufreibend und das Eis sehr dünn. Plötzlich fand ich mich in einer wirklich ungünstigen Position wieder, in der ich meinen Rucksack nicht mehr abnehmen konnte. Die Flucht nach vorn, so weit wie möglich, um ans Eis zu kommen, aber ich erreichte es nicht. Ich hämmerte die Haue so tief wie möglich ins Eis und packte es am Kopf des Gerätes. Mit dieser zusätzlichen Reichweite erreichte ich knapp das nächste Eis. Doch während ich es belastete, brach es unter meinem Gewicht und ich sah mich bereits stürzen. Ich weiss immer noch nicht, wie ich es geschafft habe, das untere Gerät im Sturz zu halten und tatsächlich nicht zu fallen. Nach einer kurzen Verschnaufpause versuchte ich es wieder, mit einem glücklichen Ausgang.

Der Rest jener Rampe ging uns leicht von der Hand, gutes Eis und bester Fels bis zur allerletzten Seillänge vor der Gipfel- Schneeflanke. Diese Seillänge erforderte fast zwei Stunden. Ich musste einen riesigen Scheepilzes beseitigen, um weiter zu kommen. Das ganze bei schlechter Absicherung und in stockfinsterer Nacht.

Es war definitiv die schwerste und ernsteste Seillänge in der Route.

Biwak
Foto: Archiv Ines Papert

Dann wurde es einfacher und im Schein des Vollmondes erreichten wir bald einen perfekten Biwakplatz unter einem großen Block. Es war bereits 3 Uhr morgens und wir todmüde, aber der Vollmond machte uns einen Strich durch die Rechnung. So blieben wir lange wach und starrten glücklich bis zum Morgengrauen in die spektakuläre Bergwelt.

Die Gipfelflanken.
Foto: Archiv Ines Papert

Am nächsten Morgen verließen wir unseren Biwakplatz mit nur einem Rucksack und erreichten den Gipfel des Huntington bereits um 11 Uhr. Diesmal nahmen wir uns Zeit auf dem Gipfel, der uns mit Wohltunender Wärme und absoluter Windstille empfing. In jeder Richtung, in die wir schauten, sahen wir nur wilde Alaska-Berge und begannen uns zu fragen, wohin uns unsere Reise führen wird. Der Abstieg verlief reibungslos mit dem Wissen von unserer vorherigen Begehung und am Nachmittag erreichten wir für ein frühes Abendessen das Basislager.

Abseilen über die Westwand.
Foto: Archiv Ines Papert

Nach Rücksprache mit Jack Tackle und Mark Westman, fanden wir heraus, dass wir tatsächlich eine neue Route geklettert waren.

Zusammenfassung: Nach anfänglichen Schneeflanken kletterten wir 20 neue Seillängen in einem jungfräulichen Teil der Wand. Der Ausstieg führt mit anderen Routen über die Gipfelschneeflanke zum höchsten Punkt.

Das Herz im Fels, welches den Start unserer Route perfekt markiert, gab ihr den Namen "Heart of Stone".

Wir bedanken uns bei Jack Tackle und Mark Westman für ihre Hilfe und Unterstützung.

Nach erfolgreicher Mission kehren wir hungrig zurück ins Basislager.
Foto: Archiv Ines Papert

Fakten

Central Alaska Range

Mount Huntington, Westwand

Erstbegehung " Heart of Stone“

1050m, M7, 50-90°

26.& 27.4.2021

Benötigte Ausrüstung:

  • 6 Eisschrauben
  • 1 Set Friends 0,2-3 und einige doppelt in den mittleren Größen
  • 1 Set Klemmkeile
  • 4 Normalhaken
Unsere Erstbegehung "Heart of Stone" 1050m am Mount Huntington
Foto: Mark Westman

Geschichten aus Eis & Fels