Photo: Papert/Lindič

Shishapangma Südwand

Expedition nach Tibet

Die Expedition an die Südwand des Shishapangma zusammen mit Luka Lindić war lange geplant. Für mich sollte es mein erster 8000er sein. Luka hatte bereits 2016 den Broad Peak bestiegen. Nur sehr wenige Teams versuchen sich an der schwierigen Wand. Wir sollten die einzigen Bergsteiger sein, die 2018 von dieser Seite den Berg in Tibet versuchen. Im Alpinstil versteht sich. Unterstützung haben wir nur bis zum Basislager auf 5300m, welches wir am 17. April mit Koch Nima und Küchenjunge Carsong erreichten. Ab hier sind wir für alles selber verantwortlich. Keine Sherpa, keiner Fixseile, kein Flaschensauerstoff. Wir klettern im kleinen Team.

Versuch am Nyanang Ri (7071m)

Um uns zu akklimatisieren entschieden wir uns für eine neue Route am benachbarten und sehr attraktiven Nyanang Ri (7071m). Wir planten, über die im oberen Teil technisch anspruchsvolle Südflanke auf den Gipfel zu klettern.

Wir transportierten unser Material zum Berg und warteten auf ein 2-tägiges Wetterfenster. Am 30. April standen die Chancen für nur geringfügige Niederschläge gut. Also machten wir uns an die Arbeit, erreichten auf 6300m das 2. Biwak Von dort wollten wir in einem Push den Gipfel erreichen. Doch die Nacht auf den 1. Mai wurde zum Schlüsselerlebnis. Wir hatten uns sicher und gut geschützt gefühlt, als wir das kleine Zelt in der Gletscherspalte unterhalb der Flanke platzierten. Doch die Nacht brachte unaufhörliche Schneefälle.

Schlüsselerlebnis im 2. Biwak

Es war morgens gegen 5 Uhr, als die gesamte Flanke zu rutschen begann: eine Lawine! Wir schreckten aus dem Schlaf hoch, als wir merkten, was gerade passierte. Sofort erkannten wir den Ernst der Situation. Während Luka über den Eingang das Zelt verließ, riß ich panisch ein Loch in die Zeltwand, denn die Luft wurde bereits knapp. Auf meinen Körper drückte schon die Schneelast, nichts wie weg. Luka zog mich aus dem Zelt und schon standen wir in Socken draußen und mussten zusehen, wie unser Zelt unter der Schneelast verschwand. Luka rettete im letzten Moment unsere Schuhe. Ohne sie wären wir hier oben in der Falle gesessen. Wir erholten uns von dem Schock in einer kleinen Eishöhle. Wir konnten nichts anderes, als zuschauen und abwarten bis sich die Lage beruhigte. Es war Vollmond und wir konnten auch ohne Stirnlampen sehen, was passiert war.

Die schnelle Erkenntnis: wir sitzen trotzdem in der Falle. Unsere Seile, Eisgeräte und Teile der Ausrüstung waren mit dem Zelt vergraben. Ohne Ausrüstung könnten wir den Berg nicht verlassen. Luka begann schnell mit einen Schaufelmarathon und zwei Stunden später zogen wir unsere Habseligkeiten aus dem völlig zerstörten Zelt. Was folgte, war der sofortige Abstieg und abseilen in dichtem Schneefall. Jeder folgte stumm seiner Aufgabe. Wir redeten nicht über das Geschehene. Jeder versuchte, das eben Erlebte auf irgendeine Art zu verarbeiten.

Bergsteiger aus Leidenschaft

Wir standen tagelang unter Schock, doch wir beschlossen, die Expedition fortzusetzen. Wir sind Kletterer und Bergsteiger, der Grund lässt sich rational nach einem solchen Erlebnis nicht erklären. Wir tun es aus Leidenschaft, auch wenn wir unser Tun diese Tage öfter in Frage stellten. Aber wenn wir aufhören zu tun, was wir so sehr lieben, dann sind wir nicht mehr wir selber. Doch wie damit umgehen, ohne ständig in Panik zu geraten? Es folgten viele Gespräche die zu dem Ergebnis führten, wir würden bleiben. Doch unser eigentliches Ziel der Expedition, der Shishapangma, rückte jetzt schon in weite Ferne.

Neues Ziel: Pungpa Ri (7450m)

Die undurchstiegene Westwand des Pungpa Ri (7450m), ein Nebengipfel des Shishapangma, wurde zu unserem neuen Ziel. Doch nahezu tägliche Schneefälle bis zu 15 cm machten die Planung sehr komplex. Vom 11. bis 13. Mai kündigte sich eine vorübergehende Stabilisierung an mit geringer Niederschlagswahrscheinlichkeit, aber noch hohen Windgeschwindigkeiten und Temperaturen in Gipfelhöhe um die -28 Grad Celsius. Wir machten uns schnell an den Aufstieg vom Basecamp aus, ließen wieder das ABC aus und steigen in die bis zu 80 Grad steile Flanke bis auf 6500m. Schnelligkeit war gefragt, das Wetter würde bald wieder kippen und erneute Schneefälle in dieser Flanke wären das Letzte, was wir wollten. Auf halber Wandhöhe schaufeln wir eine Plattform, auf der wir unser Ersatzzelt aufstellten. Wir planten, von hier aus in einem Push den Aufstieg der verbleibenden 1000 HM bis zum Gipfel am 12. Mai.

Es war noch dunkel, als der Wecker die schlaflose Nacht unterbrach, der Wind rüttelte am Zelt. Ich hatte kaum etwas essen können, irgendetwas schnürte mir den Magen zu. Entsprechend fühlte ich mich. Schon beim anlegen des Klettergurtes verlor ich das wenige Gefühl in den Fingern, und fragte mich, wie ich es auf den Gipfel schaffen sollte. Dennoch stiegen wir ein wenig höher. Bald erkannte ich, dass ich es nicht schaffen würde. Ein entsetzliches Gefühl der totalen Kraftlosigkeit. Es tat mir leid für Luka, der offensichtlich weder ein Problem mit der Höhe noch mit Kraftreserven hatte. Er nahm es gelassen und kündigte den sofortigen Abstieg an.

Ungünstige Wetterbedingungen

Wir hofften, dass wir gegen Mitte bis Ende Mai noch eine stabile Wetterphase haben würden. Doch wir sahen unsere Chance für den Shishapangma täglich schrumpfen. Wir hatten uns nicht ausreichend akklimatisieren können. Zusätzlich schienen die Verhältnisse aufgrund der täglichen Niederschläge extrem labil zu sein und zu bleiben. Die Angst von unserem Erlebnis am Nyanag Ri saß uns auch noch in den Knochen. So entschieden wir uns für ein Ende der Expedition.

Wir danken herzlich unseren Sponsoren (Arc'teryx, Lowa, Black Diamond, Alpine Association of Slovenia) und unseren Familien für ihre Unterstützung und ihr Vertrauen. Wir sind froh zu wissen, das alle Partner hinter unseren Entscheidungen stehen. Auch danken wir ganz herzlich den Meteorologen Charly Gabl und Jure Jerman für die wettertechnische Beratung.