Fotograf: Ines Papert

Lost in China (ED, WI 5+, M6, 1200m)

Luka Lindič und Ines Papert erfolgreich am Kyzyl Asker

Der Kyzyl Asker, ein kahler und schwer zugänglicher Berg an der Grenze zwischen China und Kirgistan in der Xingjang Region wurde bisher sehr selten begangen. 2010 habe ich einen Versuch gestartet, eine neue Linie über die Südostwand zu klettern, musste jedoch nur 300m unter dem Gipfel aufgeben aufgrund schwerer Schneefälle und Lawinen. Ein Jahr später folgte mein zweiter Versuch. Dieser war auch vergebens da mein Team unter gesundheitlichen Problemen litt.

Fünft Jahre später hat mich die Anziehungskraft des Kyzyl Asker erneut in die unwirtliche Gegend des Berges gezogen. Die Linie, die ich im Auge hatte, wurde zwar einige Male versucht, jedoch noch nie erfolgreich bis zum Gipfel geklettert.

Image: kyzyl_2016_ines_14 | Credit: Ines Papert
Fotograf: Ines Papert

Als ich mit dem slowenischen Kletterer Luka Lindič über mein geplantes Vorhaben sprach war er von Anfang an ebenso vom Projekt begeistert wie ich selbst. Das war genau das, was ich von meinem Team 2011 vermisst habe. Seine Einstellung zum Bergsteigen und zum Leben im Allgemeinen gefällt mir, seit ich ihn kenne. Seine Fähigkeiten sprachen ganz klar für ihn, ebenso wie seine Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Dies sind menschliche Eigenschaften die ich sehr schätze und die ein solches Unternehmen braucht. Wir haben uns dazu entschieden, den Versuch schnell und leicht zu unternehmen, im klassichen Alpinstil.

Image: kyzyl_2016_luka_71 | Credit: Luka Lindič
Fotograf: Luka Lindič

Am 29. September 29th, die Nacht vor wir aufbrechen wollten, war der Himmel klar und die Sterne so hell, dass man dachte, man könnte sie berühren. Als dann auch noch eine Sternschnuppe fiel war uns klar, dass wir unsere Chance nutzen mussten. Die Wettervorhersage von Charly Gabl sagte uns, dass wir am ersten Tag instabiles Wetter mit etwas Schnee zu erwarten hatten aber der Rest sah perfekt aus: die Bedingungen, der klare Himmel, unsere Motivation und unsere Stimmung.

Wir wussten, wir mussten unsere Chance ergreiffen weil alle Zeichen dafür standen. Ich wusste aber auch von meinen vorherigen Expeditionen, dass das Fenster für diese Route so klein ist. Wenn es zu warm ist, findest man schlechte Bedingungen vor. Wenn es zu kalt ist, kann man im Biwak erfrieren.

Image: kyzyl_2016_luka_73 | Credit: Luka Lindič
Fotograf: Luka Lindič

Nachdem ich 2011 zum zweiten Mal am Kyzyl Asker gescheitert bin habe ich versucht, den Berg zu vergessen. Ich wollte nicht, das er zu meinem Lebensinhalt wird. Ich hatte gehofft, dass ein anderes Team es machen würde. Auch wenn es mindestens 10 Versuche an dieser Route gab, blieb die durchgehende Besteigung bis dahin erfolglos.

Als 2016 noch immer kein Team über diese einzigartige Linie bis zum Gipfel gestiegen war und einige Jahre vergangen waren keimte die Idee wieder in mir auf. Scheitern gehört zum Bergsteigen, aber auch Geduld und manchmal eben ein dritter Anlauf. 

Luka und ich musste die Logistik überdenken da der Weg über Kyrgystan einem Lotteriespiel gleicht zu dieser Jahrezeit. Aber die Route ist eben nur dann kletterbar. Diese Details musste ich auf die harte Tour lernen auf meinen beiden vorherigen Expeditionen. Wir haben uns dazu entschlossen, diesmal den Weg durch China zu wählen. Das würde auch unserer Akklimatisierung zugute kommen, da wir von 2900 Metern zu Fuß aufsteigen würden.

China hat es ganz uns ganz schön hart gegeben! Ohne die Hilfe unseres Photigraphen Rocker, einem Chinesen, wären wir schon bei unserer Ankunft gescheitert. Wir mussten auch lernen, dass Details in China oft überraschend aufkommen oder aber sich schnell ändern. So wurde uns zum Beispiel gesagt, dass es Kamele geben würde für unseren Transport ins Base Camp. Oder Motorräder. Vielleicht einen Traktor. Zudem konnte uns niemand sagen, wo unser Base Camp sein würde. Wir fühlten uns jetzt schon ein wenig verloren.

Wir begannen am 30. September um 5 Uhr morgens mit unserem Aufstieg. Die ersten paar hundert Meter kletterten wir simultan im Dunkeln. Wir wussten, dass wir schnell sein mussten um den Gipfelgrat noch am selben Tag zu erreichen. Sonst würde sich das vorhergesagte Schönwetterfenster schließen und wir müssten ihren Rückzug antreten oder würden in einem Schneesturm gefangen werden. Als wir das steile Eis erreichten, umgeben von riesigen Eisdächern, begrüßten uns die ersten Sonnenstrahlen. Wir kletterten normale Seillängen und versuchten, so schnell wie möglich voran zu kommen. Bald berührte die Sonne die Wand. Sie war gerade so warm, dass das Eis nicht zu schmelzen anfing. Sie hielt uns warm am Tag und wir kamen schnell voran.

Plötzlich verlor ich Luka, der im Vorstieg kletterte, aus meinem Sichtfeld. Plötzlich hörte ich einen lauten Schrei. Es war ein freudiger Schrei, keiner aus Angst. Ich wusste nicht, was los war. Er war zu weit vom Gipfel entfernt. Luka musste vor Freude schreien als er sah, was vor uns lag: perfektes Eis bahnte uns den Weg bis zum Gipfelgrat. Weder Luka noch ich haben bisher eine derart vollkommene Eis- und Mixedlinie in dieser Höhe gesehen. Dieser Teil hatte uns 2010 so viel Zeit gekostet wegen der schlechten Bedingungen. Jetzt kam er mir sogar leicht vor.

Das einzige Problem, das ich hatte, war mit dem Rucksack zu klettern. Wir hatten uns dazu entschlossen, nur einen Tagesrucksack mit allem, was wir für ein Bivvy brauchten, mitzunehmen. Die Person im Nachstieg trug den Rucksack. Unsere Waden schmerzten aber wir kletterten weiter bis ein Gewitter anfing. Hagel kam runter wie aus der Hölle und machte es uns für einige Minuten unmöglich, weiter zu klettern. Zum Glück war das Spektakel bald vorbei. Es waren nur noch wenige Seillängen übrig vor dem Gipfelgrat. Luka fand die leichteste Stelle und konzentrierte sich auf schnelles Vorankommen. Er zog unglaublich an und ich fing an, die Höhe und den schweren Rucksack zu spüren.

Wir kletterten ein paar Seillängen in die Nacht hinein bis es zu kalt wurde. Nach einigem Suchen fanden wir eine geeignete Stelle für unser Biwak gegen 22.00 Uhr, etwas zwei Seillängen unter dem Gipfelgrat. Wir waren zwar windgeschützt aber sehr ausgesetzt und weit weg von bequem. Nachdem wir zwei Stunden lang einen Vorsprung mit unseren Eisgeräten gegraben hatten, dier gerade groß genug zum Sitzen war, beschlossen wir, dass es für eine kurze Nach reichen müsste. Es wurde eine sehr lange Nacht mit endlosen Gedanken an die warmen Sonnenstrahlen. Luka sagte, es sei eine seiner schlimmsten Nächte gewesen. Ich hatte schon zweimal meine Erfahrungen mit Nächten wie dieser am Kyzyl Asker gemacht. Ein bisschen Spindrift würzte die Sache noch zusätzlich.

Wir blieben noch sitzen als das erste Sonnenlicht aufkam und warteten, bis uns die ersten Strahlen erreichten, um uns zu wärmen. We machten uns an den Aufstieg gegen 10.00 Uhr. Der Gipfel ist einige Meter östlich, nicht westlich wie in einigen Berichten geschrieben steht.

Am Gipfelgrat haben wir uns ausgebunden und Seile und Rucksack zurück gelassen. Wir liefen die letzten Meter zum Gipfel. Luka lässt mich voraus mit einem Augenzwinkern. Er sagt, das wäre nach all den Erfahrungen, die ich an dem Berg gemacht hatte, völlig selbstverständlich. So klettere ich die letzten meter auf den stark überwechteten Gipfel und bin sprachlos. Einfach nur glücklich, diesen Moment zu erleben. Als Luka neben mir steht, um 12.10 Uhr , kann ich auch ihm die große Freude ansehen. Wir stellen verwundert fest, dass wir möglicherweise eine der wenigen Seilschaften sind, die jemals den höchsten Punkt des Kyzyl Asker erreichen. 

Image: kyzyl_2016_luka_p1180583 | Credit: Luka Lindič
Fotograf: Luka Lindič

Der name unserer Route steht schnell fest. Die Erlebnisse, die diese Expedition prägen, sind namensgeber. Sprachlich, kulturell, zeitlich und ganz nebenbei die Ausmaße des Landes geben uns oft das Gefühl der Verlorenheit. Hätten wir nicht Rocker an unserer Seite, wären wir „Lost in China.“

Image: lost-in-china-line | Credit: Ines Papert
Fotograf: Ines Papert

Wir sind uns des kurzen Wetterfensters bewusst und seilen schnell wieder über unsere Route ab. Wir nutzen dazu ausschließlich Abalakovs. Um 19.00 Uhr erreichen wir das ABC. Dort angekommen baute sich sofort ein unglaublich schweres Gewitter auf. Spindrift und Lawinen schossen den Berg hinunter. Wir sind mehr als glücklich, in Sicherheit zu sein. Wir hätten keine Stunde länger am Berg sein dürfen.

Fakten

Route: Lost in China, ED, WI 5+, M6, 1200m
Berg: Kyzyl Asker, China, Südostwand
Akklimatisation-Route: Border Control (ED, WI 5, M7, 650m; First Repeat und First Free Ascent; 21. September 2016;
Berg: Great Walls of China, Nordostwand)